Der neu entdeckte Roman „Verschwörer“ ist eine einzigartige, unmittelbare Reflexion über das verbrecherische System in der Tschechoslowakei nach dem Februar 1948. Der deutschsprachige Dichter, Publizist, Schriftsteller und tschechoslowakische Diplomat Friedrich Bruegel (1897–1955) enthüllt in seiner Prosa die Funktionsweise des totalitären Unterdrückungsapparats auf. Gleichzeitig stellt er die wichtige und aktuelle Frage, wie ein frei denkender Mensch sich gegen ein System wehren kann und muss, in dem freies Denken einem Verbrechen gleichkommt.
Das Attentat auf einen hochgestellten Vertreter des herrschenden Regimes bietet der kommunistischen Partei eine willkommene Gelegenheit, einen Schauprozess gegen ein angebliches Netzwerk von Verschwörern vorzubereiten, die sich der schlimmsten Verbrechen schuldig gemacht haben sollen, darunter Hochverrat und Spionage zugunsten feindlicher Mächte. Was können diejenigen, die als Drahtzieher der Verbrechen bezeichnet wurden, sowie ihre Angehörigen und Freunde unternehmen? Und wie verhalten sich in dieser Zeit Bürger, die dem Regime treu ergeben sind, persönliche Vorteile daraus ziehen wollen oder einfach nur Angst vor ihm haben?
Der Roman „Verschwörer“ spielt zu Ostern 1949 in Prag, doch der Autor schrieb ihn im selben Jahr im Exil, nachdem er seinen Posten als Leiter der tschechoslowakischen Militärmission in Berlin aufgegeben hatte und in den Westen geflohen war. Der deutschsprachige Autor Friedrich Bruegel (auch Fritz Brügel) aus einer tschechischen jüdischen Familie wurde in Wien geboren, wuchs in Prag auf und floh nach seinem Studium in Wien und den Februarkämpfen von 1934 als aktiver Sozialdemokrat erneut nach Prag. Vor dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er nach England. Nach Kriegsende, während dessen er in London mit der tschechoslowakischen Exilregierung zusammenarbeitete, kehrte er in die Tschechoslowakei zurück und wechselte anschließend zu einem diplomatischen Posten in Berlin. Im Frühjahr 1949 ging er erneut ins Londoner Exil, wo er körperlich und seelisch gebrochen die letzten Lebensjahre verbrachte.
Friedrich Bruegel schrieb zunächst Arbeiterdichtung. Seine „Februarballade“ (1935), eine Reaktion auf die Zusammenstöße zwischen den Sozialdemokraten und der autoritären Regierung in Österreich im Februar 1934, ist auch in der Sammlung „Gedichte aus Europa“ (1937) enthalten, die sich mit dem Thema Exil auseinandersetzt. Der Roman „Verschwörer“ wurde Anfang 1950 fertiggestellt und 1951 vom Zürcher Verlag Europa, der Exilautoren unterstützte, als Buch veröffentlicht (1952 erschien die englische Übersetzung im renommierten Verlag Victor Gollancz).
Die „Verschwörer“ beschreiben stalinistische Praktiken ähnlich wie Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ (erstmals 1941 auf Englisch erschienen) – Bruegels Buch wurde übrigens zu seiner Zeit zu Recht mit Koestlers Prosa oder Orwells radikaler Aussage in seinem Roman „1984“ (1949) verglichen. Keines dieser oder anderer Werke, die sich mit der Struktur und Dynamik totalitärer Macht befassen, behandelt jedoch die Prager Verhältnisse mit ihren zeitgenössischen Besonderheiten. Dadurch ist Bruegels Buch bis heute einzigartig. Fünfundsiebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung hat die tschechische Gesellschaft nun die Gelegenheit, dieses Buch erstmals kennenzulernen. Auch deutschsprachige Leser, die sich für tschechische Geschichte und Literatur interessieren, sollten sich diese fesselnde Darstellung der kommunistischen Willkür, aber auch der sehr schnellen Veränderungen verschiedener anpassungsfähiger Gesellschaftsschichten, nicht entgehen lassen. Der Roman ist sehr zugänglich (wenn auch erschreckend) und hat als solcher auch für junge Leser von heute ohne große Leseerfahrung großes Potenzial.
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